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Poesie, die Reibung riskiert.

Bei »Poesie« denken viele an Blumen. Und das, obwohl spätestens Hilde Domin mit ihrem Gedicht »Eine Rose als Stütze« die Metapher der Rose neu definiert hat. Nicht mehr Bedeutungsvielfalt im Sinne von »eine Rose ist eine Rose ist eine Rose« (Gertrud Stein), sondern Bilder aus der Natur als Metapher für soziale und politische Verhältnisse. 

Wie Hilde Domin die Rose als etwas gezeigt hat, das über die Grenzen des Exils hinaus trägt, hat ungefähr zeitgleich Bertolt Brecht das »Gespräch über Bäume« bemüht, um an die politische Verantwortung jedes einzelnen zu appellieren. Unabhängig von den theoretischen Diskussionen, ob man nach Auschwitz noch dichten dürfe, haben DichterInnen nicht aufgehört, genau dies zu tun. Sie atmen zwischen die Worte — doch in welcher Sprache?

Lyrik, die mit der Welt spricht.

Lyrik entsteht aus dem inneren Dialog, den DichterInnen mit der Welt führen. Durch die Digitalisierung hat das, was man bis dahin unter »Welt« verstanden hat, so etwas wie eine fiktive zweite Identität erhalten. DichterInnen sind diejenigen, die auf diese Veränderung besonders sensibel reagieren. Die auf Instagram veröffentlichte Lyrik befreit diese nicht nur aus Buchdeckeln, sondern sie spricht eine Sprache, die alle verstehen — unabhängig von ihrer Muttersprache. Im Literaturbetrieb gibt es eine mächtige »Lehmschicht« wohlmeinender LiteraturverwalterInnen, die einen Teil der Lyrik erfolgreich in die Schranken von Salonrunden weist, wo sie, begleitet von klassischer Musik, wie feinste Pralinen goutiert wird, während sie den anderen, den Instagram-Teil naserümpfend ignoriert. Poesie aber kommt nicht aus Salons, sondern »von der Straße«. 

Lyrik entsteht in lebendigen Kontakt. Mit Bildern, Räumen, Tönen. Vor allem aber mit Worten. Poesie entsteht nicht als Dekoration oder – wie in der Werbung -, um etwas zu verkaufen, sondern aus Widerstand. Der heftigste Widerstand, den man einer Welt von Aggression, Kriegen und Unterwerfung entgegensetzen kann, die mit Menschen und dem, was sie benötigen, spielt, ist die Lust am Spiel mit Worten und dem Reichtum, den sie entfalten, wenn man sie liebt.  

Aus dieser Lust wurde diese Website geboren.

Lea Joan Martin
Wort : Kunst : Berlin